Costa Rica Tag 4: Tortuguero-Nationalpark, Yorkín (Stibrawpa) – Boot, Bus, Boot, Busch

Aus einem Regenwald in den nächsten – ab zu den Bribris...

geschrieben von Janni Sonnabend, 9. Dezember 2023 um 21:07 Uhr

Frühstück ist heute um 6. Um 6:40 fährt uns dann wie vorgestern der Hermann (ein Costaricaner) zurück in die Zivilisation. Nur damit wir dann nach vielen Stunden Busfahrt wieder die Zivilisation verlassen und dann geht’s in den Busch zu den Indianern.

Es gibt in Costa Rica etwa 60.000 Indianer, von denen 12.000 zu den Bribri gehören.

Auf der recht langen Fahrt gibt es immer wieder Storys, was früher bei den Bribris alles schiefgegangen ist. Dann gab es immer eine Ansage bzw. Versammlung, was dann für den Rest der Reise zum Meme wird, wannimmer etwas nicht klappt.

Zuerst hatten sie ein Problem mit Pünktlichkeit. Nachdem sie auf die Reihe gekriegt hat, war die Gruppe einmal durch Niedrigwasser im Tortuguero und Staus eine Stunde zu spät – und die Bribris nicht mehr da, die sie mit ihren Einbäumen zum Dorf transportieren sollten. „Kunde ist König“ ist bei den Bribris nicht so bekannt.

Früher enthielt die Reise, dass die Gruppe etwas für die Bribris machen sollte (Voluntärarbeit). Sie haben es aber nicht auf die Reihe gekriegt, das vernünftig zu organisieren (25 Leute sollten etwas streichen – Bribris stellen einen Farbeimer und einen Pinsel), daher lässt man das jetzt wieder.

Und dann gab es noch Probleme mit Alkoholismus. Eigentlich trinken die Bribris nämlich nicht, aber dann kam mal ein Steuermann besoffen zum Abholen der Gruppe und na ja. Man kann sich den Rest denken. #bierkapitän


Eigentlich sollten wir noch eine Bananenverpackung besichtigen, aber in der Bananenproduktion ist für 10 Uhr ein Streik mit Straßenblockade angesagt, weshalb wir nur kurz eine 2-minütige Erklärung kriegen, während wir neben der Verpackungsfabrik stehen. Man kann einigermaßen reingucken, da der größte Teil des Gebäudes aus Gittern besteht.

Wenn die Bananen befruchtet wurden und die Ausprägung der Früchte beginnt, werden Plastiktüten drumgemacht. Die haben kleine Löcher für die Ventilation. Da die Plastikfolie mit Pestizid imprägniert ist, sterben aber Insekten, die dadurch reinkommen. Die Plastiktüten sorgen auch für ein Mikroklima und halte Vögel und Affen ab. Anschließend müssen die 12 Wochen Früchte reifen, bis sie den besten Reifegrad zum Versand haben. Es gibt aber keine Saison, sondern der Anbau erfolgt durchgehend. Daher wird ein kleines Fähnchen dran gemacht, dessen Farbe sich alle 12 Wochen wiederholt. Man erntet dann eine Fähnchen einer Woche, heute ist weiß dran, und ein bisschen gelb. Eine Bananenstaude bildet nur einen einen Horst mit Früchten aus. Die werden zur Erntezeit über Seilbahnen transportiert und in der Fabrik die aus dem Supermarkt bei uns bekannten Portionen geschnitten. Die werden danach gewaschen und in Kisten verpackt.

Na ja, auf jeden Fall haben wir jetzt noch knapp 25 Minuten, um aus dem Gebiet rauszukommen, bevor die Straße gesperrt wird. Und so lange dauert die Fahrt auch.


Wir fahren an einem Friedhof vorbei. Wer nicht ganz arm ist, man ein überirdisches Gegräbnis. Das wird dann mit Fliesenkacheln verkleidet und so sieht ein Friedhof aus wie ein Open-Air-Badezimmer.

Nach einiger Zeit erreichen wir das Restaurant Coral Reef in Limón. Das hat eine ganz besondere Kokos-Soße, aber von Soße gibt es in Costa Rica immer nicht so viel (wenn überhaupt). Unser Guide hat sie dazu gebracht, doppelt so viel wie für Einheimische zu machen. Sie findet das immer noch zu wenig, traut sich aber nicht, noch mehr zu fordern. Ich finde die Menge völlig in Ordnung.

Kurz darauf können wir uns im Supermarkt mit Snacks und Getränken eindecken. Wasser gibt es übrigens kostenlos durch die Agentur (Amadeus Travel Agency) aus großen Kannistern, wo man sich jeden Morgen und Abend etwas am Bus abfüllen kann.

Nach einer halben Stunde sind wir am Anleger, wo uns motorisiere Einbäume aus dem Holz der Bitteren Zeder (auch Spanische Zeder oder Westindische Zedrele) erwarten. Motorisierte Einbäume – ich fasse es nicht. Pro Boot fünf Fahrgäste.

Der Stangenmann schiebt das Boot über seichte Stellen des Yorkín-Flusses.
Der Stangenmann schiebt das Boot über seichte Stellen des Yorkín-Flusses.

Der Yorkín-Fluss ist Grenzfluss zwischen Costa Rica und Panama. Wir befinden uns somit kurzzeitig in Panama, zumal wir auch teilweise aufgrund der lokalen Tiefe des Flusses recht nah ans linke Ufer müssen, wo Panama liegt.

Holzhaus auf einem Hügel am Yorkín-Fluss
Oh wie schön ist Panama!

Mein Boot ist das langsamste, sodass es als erstes abfährt und als vorletztes ankommt. 12 km/h sind auf dem ungewöhnlich hohen Fluss das höchste der Gefühle. Die „Besatzung“ eines Bootes besteht aus einem Mann hinten am Motor und einem „Stangenmann“ vorne, der mit einem langen Stab das Boot weiterschiebt, wenn der Fluss zu flach ist. Trotz des hohen Pegels passiert das aber auch heute ein paar Mal. Die Fahrt dauert etwa 70 bis 80 Minuten.

„Projektvorstellung“

Nachdem wir angekommen sind, geht es noch ein kurzes Stück zu den Unterkünften.

Es gibt zwei Häuser, wie alle hier auf Stelzen. Das erste Haus (Casa Luna) ist symmetrisch. Jede Hälfte hat einen Zugang, von dem aus man die drei Zimmer dieser Hälfte erreicht: 1 Schlafzimmer mit Doppelbett, 1 Zimmer mit zwei Etagenbetten und ein Badezimmer.

Casa Luna in Stibrawpa im Bribri-Dorf Yorkín
Casa Luna in Stibrawpa im Bribri-Dorf Yorkín
Einer der beiden Eingänge der Casa Luna in Stibrawpa im Bribri-Dorf Yorkín
Einer der beiden Eingänge der Casa Luna in Stibrawpa im Bribri-Dorf Yorkín
Doppelzimmer in der Casa Luna in Stibrawpa im Bribri-Dorf Yorkín
Doppelzimmer in der Casa Luna in Stibrawpa im Bribri-Dorf Yorkín

Das zweite Haus (Casa Bid) besteht aus einen durchgehenden Flur mit je fünf Zimmern auf jeder Seite, nämlich abwechselnd ein Zimmer mit zwei Stockbetten und ein Badezimmer. Insgesamt also 6 4er-Zimmer und vier Badezimmer. Da wir so eine kleine Gruppe sind, muss niemand oben schlafen.

Zimmer in der Casa Bid in Stibrawpa im Bribri-Dorf Yorkín
Zimmer in der Casa Bid in Stibrawpa im Bribri-Dorf Yorkín
Badezimmer in der Casa Bid in Stibrawpa im Bribri-Dorf Yorkín
Badezimmer in der Casa Bid in Stibrawpa im Bribri-Dorf Yorkín

Dann gibt’s Gummistiefel. Die befinden sich in einem stockdunklen Haus und sind mangels Strom schlecht zu finden. Größte Größe ist 45, aber sie fallen klein aus. Als alle – außer ich mit Schuhgröße 50 – welche haben, geht’s zum Gemeinschaftshaus zur Projektvorstellung.

„Projektvorstellung“

Gemeinschaftshaus, rechts die Küche
Gemeinschaftshaus, rechts die Küche

Bernada, Gründerin des 33 Jahre alten Projekts, erzählt, was sie damit bezwecken. Sollte Mathe das Ziel gewesen sein, wäre das Projekt offenbar gescheitert, denn gegründet wurde es im Juli 1992, steht an einer Tafel, also nicht vor 23 Jahren. Ziel sind:

  1. Bribri-Kultur stärken und zu erhalten
  2. Familien (wirtschaftlich) zu helfen
  3. Wald zu schützen

Vor 1962 gab es bei den Bribri keinen spanischen Einfluss und sie sprachen nur ihre eigene Sprache, Bribri. 1962 wurde dann von der Regierung eine Schule gebaut. Das klingt erstmal nicht schlecht, aber damit ging einher, dass sie Spanisch lernen mussten, da zudem eine Schulpflicht bestand. Der Lehrer konnte kein Bribri, die Bribri könnten kein Spanisch. Somit war das problematisch. Der Lehrer war zudem aggressiv gegen die Kinder.

Bribri seien unzivilisiert. Wurden gezüchtigt, wenn sie Bribri sprachen. Eltern haben Spanisch gelernt, um Kindern zu helfen. Kinder verloren so ihre Bribri Sprache. Sie konnte in den 70ern kein Bribri, hat es erst wieder gelernt.

Ursprüngliche Arbeit der Bribris war der Kakao-Anbau. Dann brach 1970 Monelia aus, ein Pilz, der Kakaofrüchte befällt. Der Kakao ging 10 Jahre immer kaputt. Selbst heute befällt er immer noch Früchte. Dadurch brach den Bribris ihre Einzige Einkommensquelle weg. Also haben die Männer auf Bananenplantagen gearbeitet, aber so ging noch mehr Kultur und Küche verloren. Durch die Gifte (DDT, heute längst verboten) der Bananenproduktion ist die Lebenserwartung gesunken auf ca. 50 Jahre (heute ca. 70, das ist unter dem Schnitt für Costa Rica). Zudem wurden die Augen schlechter und das Gift machte unfruchtbar. Durchs ungesünderes Essen von draußen, weil die Männer die Felder nicht mehr bestellen konnten, wurden sie krank, z.B. Diabetes.

1992 Projekt haben dann 3 Frauen das Projekt gegründet. Bernada war damals 19 Jahre. Aber sie konnten die Männer nicht überzeugen, weil Frauen Männern ungeordnet waren und die Männer auch gar nicht an einen Erfolg der Projekt glaubten. Die Frauen konnten nur die jüngeren überzeugen.

Die Männer haben dann eine Organisation (ANAI) geholt, damit sie wieder Kakao anbauen können, der ihnen heilig ist. Die Leute von der Organisation haben dann mit den Frauen gesproche und dafür eine Versammlung eingerufen, aber das hat wieder nicht funktioniert.

Dann entschied die ANAI, nur noch den Frauen zu helfen, aber das rief die Männer auf den Plan. Männer und Frauen haben je ein Projekt erarbeitet, wobei die Geldgeber entscheiden sollten, wer die 3000 USD Spende erhalten sollte. Die Entscheidung fiel auf das Projekt der Frauen. Dann waren die Männer sauer, denn sie meinten, die Frauen würden es eh nicht schaffen.

Die Frauen wollten Bäume pflanzen und haben jemanden geholt, um ihnen das zu zeigen, wie und wie man aus dem Holz ein Haus baut. Eine von ihnen musste aber eine einjährige Schulung in San José machen. Da Bernada nur 1 Kind hatte, die anderen beiden aber 6 und 8, und zudem einen sie unterstützenden Mann, wurde sie zur Schulung geschickt – ihr erstes Mal weg von zu Hause. Wir (Youngliner) hätten Angst vor Insekten, sagt sie, und sie hätte Angst vor der Stadt. Während ihrer Zeit in San José war sie dort auch im Nationalmuseum, wo auch die Bribri-Kultur ausgestellt war und fragte sich: Warum ist das nicht mehr so?

Bei ihrer Schulung bekam sie Buchhaltung, Führungsqualitäten, Tourismus, Geschäftsführung, Organisation und Rhetorik beigebracht. So konnte sie andere junge Erwachsene Bribri überzeugen.

Ihr Mann Eliodoro hat dann ihre Aufgaben in der Familie übernommen und war ein Vorbild für andere und jetzt steht man den Erfolg des Projekts ja auch, da die Bribri jetzt wieder ein Einkommen haben. Bribri war mal Matriarchat, ein Beipsiel dafür kommt morgen.

Heute ist Bribri wieder Schulfach. Es gibt heute mehr Männer als Frauen aus Mitglieder im Projekt. Außerdem wurde der Tourismus eingeführt, damit das Geld sozusagen zu denen kommt und die nicht mehr woanders hin müssen, um Geld zu verdienen.

Die Idee mit dem Tourismus kam 1995 und wurde zunächst von den anderen Indianern abgelehnt, weil Weiße bisher nur Schlechtes brachten. Sie hat gelernt, dass es durchaus Leute gibt, die die Bribri-Kultur interessiert. Der erste Tourist, ein Alleinreisender, kam 2000. 2003 waren es schon 300 und vor der Pandemie waren es dann 1700 pro Jahr, die allerdings auch Tagesausflügler enthalten, die ein Programm ähnlich unserem Tag morgen machen. Bisher haben sie kein Problem mit irgendeinem Besucher gehabt. Die erste Youngline kam 2007 oder 2008 mit unserem jetzigen Guide, die nie eine Abneigung der Bribri gegen uns gespürt hat, sodass es im Programm blieb.

Wir sind heute in der Gemeinde Yorkín („Erbrochenes“), die wie der Fluss heißt, und eine von 24 Bribri-Gemeinden ist. Alle haben mit Schule, manche ein Krankenstation, aber nur 5 College. Yorkín (350 Einwohner) hat alle drei. Das zeigen sie uns morgen bei unserem Dorfrundgang mit Bernadas Schwester Mirian. Anders als Bernada, die bei ihrer Mutter großgeworden ist, hat Mirian bei der Omi gelebt und daher Bribri gelernt. Ihre kann bis heute kein Spanisch.

Jetzt haben sie ihr Ziel erreicht. Danke alle was haben, rotiert der Dienst. Aufnahmegebühr im Projekt beträgt 2500, das einem zu gewissem Anteil über viele Jahre von Gehalt abgezogen wird. 50 Mitglieder.

Einkommensquellen sind jetzt Bio-Bananen, Kakao (obwohl der Pilz weiterhin ein Problem ist) und Tourismus. Mit der Rückkehr der Männer wird auch wieder gutes Essen selbst abgebaut. Sie sehen uns aber nicht als Einkommensquelle sondern als Freunde, sagt sie. Denn unser Abendessen jetzt im Anschluss ist zuerst wie im Restaurant (Teller wird angerichtet) – aber dann wie bei der Familie (man kann nachnehmen).

Zum Abendessen gibt es Maniok (auf Spanisch Yuca), Reis und ein Gemisch aus Linsen und Bohnen. Gegessen wird aus einer Schale aus einer halben Kalebasse, einer ründlichen verholzenden Frucht, die an einem Baum wächst. Sie ist nicht genießbar und wird nur für die Schalen angebaut.

Küche im Gemeinschaftshaus in Stibrawpa im Bribri-Dorf Yorkín
Küche im Gemeinschaftshaus in Stibrawpa im Bribri-Dorf Yorkín

Falls ihr euch fragt, warum das Mädel auf dem Bild oben blonde Haare hat: Das ist eine österreichische Voluntärin.

Ich gehöre zu den fünf, die länger wach bleiben. Ungewöhnlich für mich. Auch die Ukulele kommt zum Einsatz. Ich habe vorher extra noch geklärt, dass keine Bribris in der Nähe schlafen. (Spoiler: Eine hat doch im Kabuff des Gemeinschaftshauses geschlafen – bzw. wegen der Ukulele eben nicht geschlafen – und sich dann bei unserem Guide beschwert.)

Von diesen fünf bin ich der erste, der ins Bett geht. Seit einigen Jahren gibt es immer eine Bribri-Nachtwache, aber die schläft vorm Haus in einer Hängematte und kriegt nicht mit, dass ich ins Haus gehe.


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