Namibia Tag 16: Windhuk – Geheilt durch Bürokratie?

U NAD?

geschrieben von Яedeemer Sonnabend, 11. April 2015 um 19:59 UhrDarstellungsfehler möglich

Ich weise vorsichtshalber darauf hin, dass dieser Beitrag (wie alle anderen in meinem Blog) die Wahrheit und keine Übertreibungen enthält.

Ich werde mich nie wieder über deutsche Bürokratie aufregen.
Ich werde mich nie wieder über deutsche Bürokratie aufregen.
Ich werde mich nie wieder über deutsche Bürokratie aufregen.

Es gibt Dinge, die sind so unglaublich, da kann ich nicht mal glauben, was ich selbst erlebt habe. Aber mal von vorne.


Heute läuft einiges schief.

Es ist an sich kein besonderer Tag. Ich frühstücke und fahre mit dem Shuttlebus des Hotels um 11 Uhr (direkt nach der spätesten Checkout-Zeit) zum Maerua-Einkaufszentrum und beim nächsten Takt eine Stunde später weiter ins Stadtzentrum. Ich habe noch 190,50 (etwa 15 Euro), die ich irgenwie in ein Souvenir anlegen muss. Ich habe da auch schon eine Vorstellung.

Als ich gegen 12:20 im Stadtzentrum aussteige, ist mir schon ziemlich übel. Ich beeile mich und finde recht schnell, was ich suche. Da bleibt noch Zeit für einen Besuch der Aussichtsplattform des Hilton-Hotels.


Aussicht vom Hilton-Hotel

Ich kann schon beim nächsten Takt des Shuttlebusses zurück ins Hotel fahren. Das Hotel hat seinen kleinen Shuttlebus eingesetzt, der bei meiner Ankunft bereits voll ist, weshalb ich im Bus eingezwängt auf dem Boden sitzen muss. Aber ich muss ganz dringend ins Hotel, wo ich um 13:45 ankomme.

Ich gehe einige Male auf Toilette, weil ich Durchfall habe. Dazu kommt immer mehr Übelkeit im Magen. Um 15:45 muss ich mich viermal übergeben. Gerade noch rechtzeitig schaffe ich es, mein Souvenir aus der Tasche zu schmeißen und diese vollzukotzen. Dann geht es mir besser. Ich ziehe mich für deutsche Verhältnisse an und fahre um 16:30 mit dem Flughafentransfer zum Flughafen. Jemand aus meiner Reisegruppe hat mir eine Plastiktüte gegeben, die ich gerade noch rechtzeitig öffnen kann, als ich mich im Bus noch sechsmal übergeben muss.

Während wir ab 17:15 am Flughafen auf den Checkin warten, hole ich mir beim Spielzeugladen direkt am Eingang ein paar Plastiktüten und warte draußen. Zwei Omis aus unserer Gruppe sorgen dafür, dass meine Koffer zum Schalter mitwandern. Als wir gegen 18:00 dran sind, muss ich direkt vor dem Schalter wieder kotzen, weshalb mir der Checkin verweigert wird. Direkt vor uns hat gerade ein deutscher Arzt eingecheckt. Der lässt sein Gepäck zurückholen und gibt mir irgendwelche Tabletten. Er denkt, ich habe wohl Gelbfieber. Anschließend sorgt er dafür, dass mich die Fluggesellschaft einchecken lässt. Wir suchen in einem Restaurant einen Ort, an dem ich mmich hinlegen kann. Als ich mich auch dort übergeben muss, versuchen die Omis der Bedienung klarzumachen, den Arzt von eben ausrufen zu lassen. Stattdessen holen sie aber zwei Leute, die der Flughafen angestellt hat. Sie scheinen keine richtigen Ärzte zu sein, aber egal.

Die Mediziner lassen mir vom Restaurant gekochtes Wasser (das allerdings weiterhin wie in Windhuk üblich überwiegend aus Chlor besteht), Jogurt und eine Kola bringen, was ich um 18:30 sofort wieder auskotze. In der Zwischenzeit hat einer der Flughafenmediziner die Ausreiseformulare geholt, sodass die beiden Omis und ich möglichst schnell durch die Ausreise- und Sicherheitskontrollen kommen.

Um 19:00 Uhr entscheide ich mich unter Tränen, nicht zu fliegen und mich stattdessen ins Krankenhaus bringen zu lassen. Der deutsche Arzt ruft meine Eltern an, was ich mit meinem Handy nicht kann.

Mein Koffer wird zurückgeholt und ich komme in einen Krankenwagen. Der gehört dem Flughafen, wie mir später erzählt wird. Die Flughafenmediziner rufen den richtigen Krankenwagen und brauchen dafür etwa 1 Stunde, weil sie der Zentrale klarmachen müssen, dass ich das bezahlen kann. Sie bringen mir gegen 20 Uhr eine kleine Tasse abgekochtes Mineralwasser, das ich nicht auskotze. Anschließend braucht der Krankenwagen 1 Stunde für die Fahrt zum Flughafen. Bevor der Krankenwagen losfährt, muss erneut eine halbe Stunde lang meine finanzielle Lage festgestellt werden. Außerdem muss, da Krankenwagen und Kliniken unterschiedliche Einrichtungen sind (Krankenwagen werden von der Stadt betrieben), eine Klinik gefunden werden. Ich komme in die römisch-katholische Privatklinik namens mediclinic.

Aber natürlich nicht sofort. Krankenwagen bringen einen in Namibia natürlich nicht in ein Krankenhaus (wieso auch?), sondern zu einem Geldautomaten. Unterwegs werde ich weiter ausgefragt. Zu dem Zeitpunkt habe ich mein Alter fünfmal gesagt – und zwar drei verschiedenen Menschen, die jeweils meinen Pass in der Hand hatten. Außerdem haben die das aufgeschrieben. Klar, wir sind hier in einem Dritte-Welt-Land, wo noch kein Papier erfunden wurde, weshalb man mir das Attest mit einem Kugelschreiber oben auf meinen Oberarm schreibt, aber gut.


Namibisches Oberarm-Attest (die Werte sind: Blutdruck 139/84, Blutzucker 90, Puls 108 und Alter 25, unbekannt, Körpertempartur 36,5; alles völlig normale Werte)

Ich bin kurz davor, den Typen im Krankenwagen anzuschreien: „Entweder du gibst mir was zu trinken oder ich rede nicht mehr mit dir!“, da mir das Reden echt schwerfällt, weil mein Mund wie mein gesamter Körper auch total ausgetrocknet ist. Aber man lässt mich nichts trinken. Die Flughafenmediziner hatten versprochen, ich würde im Krankenwagen eine Infusion bekommen, die kriege ich aber natürlich ebensowenig. Selbstverständlich ist alles nur auf Englisch. Was wäre wohl gewesen, wenn ich nicht so gut Englisch könnte...

Wir halten dann also bei einem Geldautomaten bei irgendeinem Einkaufszentrum. Ich gucke mich beim Aussteigen um. Es ist viertel nach 22, die Restaurants haben allesamt geschlossen. Wenn nicht, wäre ich direkt dorthin gegangen, wäre nicht zum Automaten gegangen und hätte keine 1.000 Namibia-Dollar eingezogen. Der Krankentransport kostet 916,35, das sind etwa 75 Euro. Zum Vergleich: Taxifahren hätte 350 Dollar gekostet und hätte für die 50 km keine 3,5 Stunden gebraucht. Auch zu Fuß gehen wäre nur unwesentlich langsamer gewesen und hätte überhaupt nichts gekostet, allerdings hat die Straße von Windhuk zum Flughafen keinen Fußweg und es ist schon dunkel, weshalb diese Option nicht in Frage kommt.

Um 22:30 bin ich also in der Notaufnahme. Sämtliche meiner ursprünglichen Symptome sind längst verschwunden. Als ich die Notaufnahme betrete, sehe ich meine Rettung. „Prioritäten!“, rufe ich nur noch.


Das Wasser ist nicht schlecht, aber das kann ich bei einer Privatklinik verdammt nochmal erwarten.

„Wie soll man bitteschön Symptome haben, wenn eure verfickte Bürokratie 4 Stunden braucht, um mich ins Krankenhaus zu bringen?“, meine ich zur Schwester. Wenn es was Ernstes gewesen wäre, wäre ich schon lange lange tot. Und so bin ich jetzt halt geheilt. Wäre da nicht die Dehydrierung. Bürokratie, sie tötet oder heilt. Kommt ganz drauf an, ob man lang genug überlebt.

Während meiner Behandlung laufe ich diverse Male von meinem Bett weg zum Wasserspender. Der Arzt kommt und stellt – unter Verwunderung über meine Geschichte – lediglich die Dehydrierung fest, die das Krankenwagenpersonal mutwillig verursacht hat. Ich bekomme zwei Beutel Rehydrierungspulver, das in der Zusammensetzung mit der WHO-Lösung gegen Cholera vergleichbar ist. Ich frage die Schwester, wo ich jetzt noch etwas zu essen herbekomme. Sie wärmen mir ein übergebliebenes aber letztendlich undefinierbares Krankenhausessen auf. Dazu bekomme ich die erste der beiden Rationen Rehydrierungslösung. Zwischendrin muss ich noch den Krankenwagen bezahlen. Ich bin am Überlegen, ob ich einfach nicht zahle und es auf ein Gerichtsverfahren ankommen lasse, das den Leuten schwere Körperverletzung nachweisen würde. Wenn es mein Geld wäre, hätte ich das gemacht, aber es zahlt eh meine Krankenversicherung.


Krankenhausessen

Da es sich um eine Notaufnahme handelt, werde ich nach Zahlung von 2.000 Dollar um viertel vor 0 vor die Tür gesetzt. Ich bekomme lediglich einen Zahlungsbeleg, da in Namibia wie gesagt offenbar eine Knappheit an Papier herrscht. Sie wollen mir das Attest daher per Mail schicken. Als Mailadresse habe ich natürlich meine Fanpost-Adresse von redeemer.biz angegeben, denn wie um alles in der Welt hätte ich den Laden auch nur annähernd ernst nehmen können? Immerhin haben sie mir das günstigste Hotel in der Nähe und einen Taxifahrer rausgesucht. Ich bin so stark dehydriert, dass ich meine Jeans, die mir eben noch perfekt gepasst hat, hochhalten muss, damit sie nicht sofort runterrutscht.

Die Taxifahrt dauert eine Minute und kostet dennoch 70 Dollar (etwa 5,50 Euro). Das Hotelzimmer riecht nach Seife. Ich bekomme ein anderes Zimmer gezeigt, was auch nach Seife riecht, weshalb ich doch das erste nehme. Allerdings guckt jemand nebenan so laut Fernsehen, dass mir das selbst zu laut wäre, wenn ich es wäre, der Fernsehen guckt. Ich lasse mich daher doch in ein anderes Zimmer verlegen. Ich gehe direkt ins Bett. Kein Zähneputzen, nichts.

Kurz darauf muss ich dann aber doch Mückenschutz nehmen und wegen des Straßenlärms die Fenster schließen. Licht gibt es nur vom immer noch recht vollen Mond, da das Hotel keinen Strom für andere (aber vorhandene) Dinge als die Deckenlampe des Hauptzimmers hat. Wir befinden uns immerhin in einem Dritte-Welt-Land.

Um halb vier in der Nacht wache ich auf. Obwohl ich in den letzten fünf Stunden 2 Liter Wasser getrunken habe, muss ich nicht wirklich auf Toilette, weil ich so dehydriert bin und mein Körper das Wasser selbst braucht.


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