Nachrichten vor Ort „Damit alles besser bleibt“

6 Tage Eurobahn und ich habe die Schnauze voll

geschrieben von Яedeemer Freitag, 15. Dezember 2017 um 19:07 Uhr

In den Medien liest und hört man viel davon, wie die Deutsche Bahn auf der Strecke von München nach Berlin versagt. Was die deutsche Staatsbahn kann, kann die französische Staatsbahn aber schon lange!

Zwei Monate zurück. Am 17. Oktober erschien der neue Fahrplan, der ab Sonntag gilt. Der Betrieb auf der Bahnstrecke zwischen Minden und Nienburg, Teil des RE 78 von Bielefeld nach Nienburg, wurde damit von der Eurobahn übernommen. Man könnte das Unternehmen auch Keolis oder SNCF (französische Staatsbahn) nennen, aber je mehr Namen man hat, desto weniger bilden sich schlechte Vorurteile.

Die Vorfreude war groß bei mir: Der letzte Zug nach Norden fährt dann um 20:01 Uhr, während sich zuvor beispielsweise samstags schon um 17:07 der letzte Zug auf den Weg machte.

6 Tage sind rum. Zeit, eine Chronologie des Versagens zu schreiben. Zum größten Teil entstanden im Bahnhof Nienburg, wo wie so oft bei der Bahn alle Anzeigetafeln ausgefallen sind und es einen Feuermelder gibt, der ständig piept, weil sich keiner für den Austausch der Batterien zuständig fühlt.

How to: Bahnlinie einrichten

Meine Vorfreude währte bis zum 30. November. Da fiel der Eurobahn nämlich auf, dass für den Betrieb einer Bahnlinie ja Bahnen nötig sind, die man nicht besitzt. 10 Tage vorher, gewonnen hatte man die Ausschreibung vor dreieinhalb Jahren. Ist halt unerwartet, dabei hätte man das mal eben schnell auf Wikipedia nachlesen können. Eigentlich hätte man aber auch von einem von einem Unternehmen, das Eurobahn heißt, erwarten können, dass man das weiß. Vermutlich wird der Laden demnächst in Euro umbenannt. Geld einnehmen klappt ja, z.B. von der Förderung der LNVG (Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen), bei der ich mich jetzt erst mal beschwert habe.

Deshalb wurde jedenfalls kurzfristig Schienenersatzverkehr für alle Werktage des Jahres angekündigt. An Wochenenden (nicht jedoch Feiertagen) sollen die Züge normal fahren. *hust*

How to: Bahnlinie betreiben

Dann kam also der vergangende Sonntag, der erste „Betriebs“-Tag. Gut, Betrieb kann man das nicht nennen. Wenn ich das richtig verfolgt habe, hatte kein Zug der Linie unter einer Viertelstunde Verspätung.

Und es kam noch schlimmer. Am Nachmittag sanken die Temperaturen in den unteren einstelligen Bereich und leichter Schneefall setzte ein. Temperaturen so tief, dass bei den neuen Intercity2 die Türen festfrieren. Der Todesstoß. Die Folge: Zugausfälle. So genau lässt sich das nicht mehr nachprüfen, da sich die Anzeige der Bahn (keine Züge zwischen Minden und Nienburg) mit dem Twitter-Account der Eurobahn (keine Züge zwischen Petershagen-Lahde und Nienburg) widersprechen, aber ich gehe nicht davon aus, dass nach 16 Uhr noch irgendwelche Züge zwischen Minden und Nienburg gefahren sind.

Gleichzeitig kam die Bahn auf die sehr glorreiche Idee, dass es nicht nötig sei, Verkehrsmittel ohne Verspätung und Verkehrsmittel ohne Echtzeitanzeige zu unterscheiden. Vermutlich dachte man, dass letzteres ohnehin überwiegt, aber es ist eben sehr irritierend.

Ich fuhr deshalb mit dem IC ber Hannover nach Minden. Eigentlich hätte ich im Zug nachzahlen und die Rechnung einreichen müssen, damit sie dem Nahkehr in Rechnung gestellt wird, sagte der Kontrolleur, ließ es aber bleiben. „Dabei hätte es die Eurobahn absolut verdient, für das Chaos zu zahlen“, dachte ich mir schon Sonntag.

Der IC hatte auch Verspätung. Planmäßige Ankunft in Hannover wäre 17:13 gewesen, Weiterfahrt nach Minden um 17:40. „Wir erreichen Hannover heute um 17:27.“, sagt der Kontrolleur durch als wir Nienburg gerade verlassen haben, „Jetzt schon mal die Information bezüglich Ihrer Anschlusszüge: Wir werden alle vorgesehenen Anschlusszüge in Hannover erreichen. Das bedeutet, dass alle Anschlusszüge ebenfalls Verspätung haben.“. Lachen im Waggon. Es verging mir, als wir noch eine Viertelstunde kurz vor Hannover Hbf in der Gegend herumstanden. „Das hätten wir auch zu Fuß geschafft.“, sage ich. Bei dem IC nach Minden sind aber wie erwartet die Türen festgefroren, sodass ich ihn noch erreiche.

So viel dazu.

How to: Schienenersatzverkehr betreiben

Quizfrage: Wie oft muss man bei dieser Verbindung planmäßig umsteigen?

Verbindung
Meine gewählte Verbindung.

Zweimal natürlich. Einmal in Nienburg und davor schon in Leese-Stolzenau. Die Eurobahn ist nämlich auf die geniale Idee gekommen, einen Ersatzverkehr zwischen Nienburg und Leese-Stolzenau einzurichten und einen weiteren, davon unabhängigen, zwischen Leese-Stolzenau und Minden. Der eigentliche Ersatzfahrplan sieht damit eigentlich so aus:

Fahrplan
Schienenersatzverkehr-Fahrplan der Eurobahn zwischen Minden und Nienburg. Beispiel für den Nachmittag, gefahren wird im Zweistundentakt.

Was fällt auf? Richtig: Der Bus rechts kommt um 15:05 an und fährt um 14:55 weiter. Das klappt natürlich (bzw. für Eurobahn-Mitarbeiter: völlig überraschend) nicht, denn Zeitreise ist noch nicht erfunden. Vielleicht sollte sich die Eurobahn zunächst mal ums Reisen kümmern statt ums Zeitreisen?

Der Bus kommt um 15:03 Uhr. Offensichtlich bin ich nicht der einzige, der das System noch nicht kannte, denn im Bus aus Nienburg schläft ein junger Mann. Da das niemand gemacht hat, wecke ich ihn, sonst wäre er wieder zurück nach Nienburg gefahren.

Nun fügen wir noch hinzu, dass der Bus erst mal in Leese-Stolzenau über das komplette Bahnhofsgelände zu einer Wendestelle fahren muss, plus ein bisschen Feierabendverkehr, minus grüne Welle in Nienburg und zack – sind wir bei 15:29 und damit +11 Minuten Verspätung. Der Zug fährt pünktlich um 15:28 ab, und schon schafft man den Anschluss auch dann nicht, wenn man Sprintweltmeister auf der Strecke „Bremen Hbf Gleis 1 nach Bremen Hbf Gleis 5“ ist.

Fazit

„Damit alles besser bleibt“ lautet das Motto der Eurobahn. Wenn das besser sein soll, kann man nur hoffen, dass es wenigstens wieder wird wie vorher und dann so bleibt.

Man kann also nur hoffen, dass die LNVG der Eurobahn möglichst bald die Lizenz entzieht und sie an ein fähigeres Unternehmen vergibt.

Ich frage mich immer wieder, warum in Referendariat so hohe Erwartungen an mich gestellt werden, wenn in den Führungsetagen derart unfähige Leute sitzen und keiner einen Fick gibt. Wenn man als Verantwortlicher eines Bahnunternehmens denkt, Bahnbetrieb sei auch ohne Züge möglich oder man könnte mit Bussen in der Zeit rückwärts reisen, dann ist man da falsch.

Eigentlich hätte ich es wissen müssen: Eurobahn enthält die Buchstaben B, E und R – die Buchstaben des Versagens.

Gut, mein Aluhut glüht.

/Nachtrag: Am Wochenende 16./17. Dezember wurde der Betrieb auf der Strecke offenbar spätestens um 14 Uhr eingestellt (obwohl er bis 22 Uhr laufen sollte). Ich musste mal wieder mit dem Fernverkehr nach Minden fahren. Da fiel zwar auch einiges aus, aber wozu gibt es 66 Minuten Verspätung?

Am Dienstag, dem 19. Dezember 2017, wurde dann von Seiten der Eurobahn angekündigt, dass dieses Jahr keine Züge mehr fahren würden, auch nicht an Wochenenden. Für die perfekte Information wurde weder dies noch der SEV-Plan im Buchungssystem hinterlegt. Stattdessen wird laut Eurobahn-Website und Bahn-Reiseaufkunft an Wochenenden noch normal gefahren. Einen Grund hat man auch bei der Ankündigung nicht angegeben, da wäre auch sehr viel Kreativität gefragt, wie man das den (potenziellen) Fahrgästen verkaufen sollte.


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